Gezielter Kampf gegen Säurefraß und Zerfall

Die Massenentsäuerung von Papier ist in der Welt der Archive und Bibliotheken ein vieldiskutiertes Thema. Säurefraß und Zerfall, verursacht in erster Linie durch den Gebrauch von Papieren minder-
wertiger Qualität seit Beginn der industriellen Herstellung von Papier um 1850/60, bedrohen Millionen von Büchern und Kilometer von Archivgut. Weltweit sind schätzungsweise 80 bis 90 Prozent der gesamten Bestände an Archiv- und Bibliotheksmaterial gefährdet. Davon sind bereits zehn Prozent nicht mehr verwendbar, 30 Prozent vom Zerfall betroffen und 40 Prozent bedroht.

Seit Ende der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts, so berichtet die Archivfachzeitschrift „Der Archivar“ in ihrer Ausgabe vom Mai 2000, hat sich die Massenentsäuerung von Papier als eine praktikable Konservierungsmaßnahme herausgestellt. Das „Papersave“-Verfahren der früheren Firma Battelle, das heute in Lizenz bei der Nitrochemie Wimmis AG angewendet wird, hat sich dabei als sehr erfolgreich erwiesen, und das nicht nur im Hinblick auf das Ergebnis der Konservierung selbst, sondern auch bezüglich der Umweltverträglichkeit.

Im April 2000 wurde bei der Nitrochemie in Wimmis eine Papierentsäuerungsanlage in Betrieb genommen. Diese im Besitz des Schweizer Staates befindliche Anlage ist derzeit die größte und modernste der Welt: Pro Jahr werden in den beiden vorhandenen Behandlungskammern 90 bis 120 Tonnen Bücher und Archivmaterial entsäuert. Auf diese Weise konnten bereits mehr als 650 Tonnen Bücher und Archivalien entsäuert und damit zukünftigen Generationen erhalten werden.

Die größten Kunden sind zwei staatliche Institutionen, nämlich das Schweizerische Bundesarchiv und die Schweizerische Nationalbibliothek, die derzeit zwei Drittel der Kapazitäten füllen. Und diese zeigen sich mit den in Wimmis erzielten Resultaten sehr zufrieden. Das restliche Kapazitätsdrittel wird von Privatkunden in Anspruch genommen.

Massenentsäuerung von Papier kann nach verschiedenen chemischen Verfahren und unter Einsatz unterschiedlicher Chemikalien vorgenommen werden. Bei der Nitrochemie in Wimmis geschieht dies auf der Basis von Magnesium: Die im Papier befindlichen Säuren werden mittels eines Magnesium-
alkoholats neutralisiert, wobei das Magnesium die Säure z. B. als Sulfat bindet und der dabei entstehende Alkohol freigesetzt wird. Überschüssiges Magnesiumalkoholat wird dabei zusätzlich durch Luftfeuchtigkeit und Kohlendioxid in einen Puffer umgewandelt, der das entsäuerte Papier wirksam gegen zukünftige Angriffe durch Säure schützt. Die für diesen Prozess erforderlichen Chemikalien – Hexamethyldisiloxan (HMDO) und ein Gemisch aus Titan- und Magnesium-
ethanolaten (genannt Mete 30) – stellt der Chemiebereich in Aschau für das Werk in Wimmis her. Davon geht eine beachtliche Menge in Form von HMDO-Kondensat und verunreinigter Behandlungslösung nach Aschau zurück, wo diese wieder zu Wirkchemikalien aufgearbeitet werden.

Warum eigentlich dieser Aufwand, kann man sich natürlich fragen. Wieso macht man es sich nicht einfach und digitalisiert das angegriffene Aktenmaterial oder sogar die Bücher und trennt sich dann von den Originalen? Dutzende von Anbietern in der Digitalisierungstechnik, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz, überbieten sich mit ihren Angeboten einer angeblich dauerhaften, sicheren digitalen Überlieferung. Aber dies ist nicht nur eine Preisfrage: Die chemische Massenentsäuerung ist heute noch immer das weitaus preisgünstigere Angebot.

Hinzu kommen rechtliche, konservatorische und kulturelle Aspekte. Sehr viele Dokumente mit Rechtskraftcharakter behalten diesen nur, wenn sie in der Papierform vorliegen. In der digitalen Version, verbunden mit der noch immer nicht völlig geklärten Fälschungssicherheit der Dokumente, verlieren sie ihre Beweiskraft und können allenfalls als Arbeitskopien benutzt werden. Die chemische Massenentsäuerung garantiert nach diesem Prozess, vor allem aufgrund der erwähnten Pufferung, eine Dauerhaltbarkeit von Papieren oder Büchern über weitere Jahrzehnte, wenn nicht Jahr-
hunderte. Wie lange die CD oder die DVD mit den gespeicherten Daten hält, weiß man dagegen (noch) nicht. Und sollte der Datenträger tatsächlich zehn oder 20 Jahre später noch lesbar sein, ist es schwierig, dann noch die geeignete Hardware im Museum aufzustöbern. Des Weiteren gilt: In der Bibliothek macht sich die alte, restaurierte Erstausgabe von Eduard Mörikes „Mozart auf der Reise nach Prag“ von 1855 allemal schöner als die DVD-Ausgabe.

Die technische Entwicklung bleibt nicht stehen: Die Nitrochemie Wimmis AG ist intensiv auf der Suche nach einem Verfahren und nach Wirksubstanzen, die neben der Entsäuerung des Papiers auch eine Verfestigung bereits säuregeschädigter Papiere erlauben. Gemeinsam mit den Schweizer Großkunden werden Forschungs- und Entwicklungsprojekte durchgeführt.

Mit dem Bookkeeper-Verfahren ist ein weiteres nichtwässriges Verfahren auf dem Markt. Im Gegensatz zu Papersave sind die Wirkchemikalien jedoch nicht gelöst, sondern in Suspension. Beim 2001 entwickelten CSC-Booksaver-Verfahren geschieht die Massenentsäuerung wie beim Battelle- und Bookkeeper-Verfahren ebenfalls auf nichtwässriger Basis.

Das im niedersächischen Neschen angewandte so genannte „Bückeburger Verfahren“ läuft im Gegensatz zum Battelle- und Bookkeeper-Verfahren auf einer wässrigen Basis ab, es erlaubt jedoch nur die Einzelblatt-Behandlung. Gebundene Bücher und Dokumente wie in Wimmis können im Moment nach diesem Verfahren nicht behandelt werden.

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