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125 Jahre Rheinmetall – die Jahre 1936 bis 1945

„Ein Werk oder Berge aus Papier?“ - Überbordende Bürokratie selbst in Kriegszeiten

Im Jahr 1943 war die Deutsche Wehrmacht an allen Fronten im Westen und im Osten in schwere Kämpfe verwickelt. Zahllose Mitarbeiter der Rheinmetall-Borsig AG waren zum Fronteinsatz eingezogen, viele von ihnen bereits gefallen. An ihrer Stelle verrichteten Frauen und Zwangsarbeiter ihre Arbeiten in der Rüstungsproduktion. Was bei allem Mangel und Notstand jedoch noch ausgezeichnet zu funktionieren schien, war die Bürokratie. Selbst die für den immer noch erhofften „Endsieg“ notwendige Waffenfertigung wurde durch sie immer wieder ausgebremst. Das betraf sowohl die Beschaffung von Arbeitskräften – selbst die von Zwangsarbeitern –, als auch die Verlegung von Betrieben.

Als Großstädte wie Berlin und Düsseldorf Tag und Nacht von alliierten Bombern zerstört wurden, wovon Wohngebäude wie Fabrikanlagen gleichermaßen betroffen waren, bemühten sich die jeweiligen Werkleitungen von Rheinmetall-Borsig, die Fertigung der Flak 8,8 cm und anderer wichtiger Geschütze im vermeintlich sicheren Osten des Reiches in requirierten Fabrikräumen unterzubringen. Dass dies schnell geschehen konnte, um möglichst bald die Produktion wieder aufzunehmen, verhinderte einige Male die Bürokratie. Andererseits blieb den Verwaltern der deutschen Gründlichkeit, die auch in Zeiten der Diktatur ausgezeichnet zu funktionieren schienen, häufig nichts anderes übrig. Nur so war es zu verhindern, dass sich große Firmen Fabrikräume quasi „auf Vorrat“ sicherten, um an billige Produktionsstätten und -kräfte zu gelangen.

Dennoch – irgendwann platzte auch einem der Berliner Werksdirektoren der Kragen. Als es 1942 darum ging, dass die Tochtergesellschaft Maget – der Name stand für „Maschinen- und Gerätebau Tegel“ – ein neues Gebäude errichten musste, um die Produktion des Maschinengewehrs MG 42 erhöhen zu können, verlangte das Bauaufsichtsamt die üblichen Papiere. Sie betrafen die Statik des Gebäudes, die Geländebeschaffenheit, die Höhe, die vorgesehene Produktionstätigkeit und, und, und... Der Vorgang zog sich wie viele andere kriegswichtige Vorgänge quälend in die Länge. Schließlich schaltete sich Geschäftsführer Priebe ein und schrieb in einem geharnischten Brief: „Wollen Sie, dass wir Ihnen schnellstmöglichst ein Werk zur MG-Fertigung aufbauen, oder dass wir Ihnen einen Lastwagen voll Papier vor die Tür stellen?“ Dies zeigte offenbar Wirkung – bereits wenige Monate später war der Bau abgeschlossen, und die Produktion konnte beginnen.

„Ich träume von Lager weggehen“ - Ein ehemaliger Zwangsarbeiter erinnert sich

Zahllose Zwangsarbeiter waren während des Zweiten Weltkrieges bei Rheinmetall-Borsig beschäftigt. Wir wüssten nicht viel über ihr Schicksal, wenn uns nicht einige von ihnen Briefe geschrieben hätten, in denen sie ihr Schicksal erzählten. Sie taten dies, weil sie von Rheinmetall eine Bescheinigung benötigten, dass sie Zwangsarbeit hatten leisten müssen, um aus dem 1999 eingerichten Stiftungsfonds der Bundesregierung und der deutschen Wirtschaft Entschädigungsgelder zu erhalten.

Einer von ihnen war Sascha A., der im Werk Düsseldorf- Derendorf an der Hobelbank arbeitete. Er erinnerte sich an seine deutschen Arbeitskollegen: „Die deutsch Arbeiter waren gutherzlich und gütigen. Sie gaben uns das Essen.“ Über zwei seiner Arbeitskollegen schrieb er dagegen: „Neben mir arbeiteten zwei junge Deutschen: Otto und Kurt. Otto – Intelligent in Brille und Faschist, der alle Kommunisten im Ostfront schießen wollte.“ Damit sagt A. nicht, dass er von ihnen schlecht behandelt worden sei. Sein Meister Johann war Parteimitglied, aber in den Augen von A. kein Unmensch. Er beschrieb ihn als einen „Mann von kleinem Wuchs mit faschistischen Abzeichen auf seinem Anzug. Er war sehr streng, aber ehrlich.“

Eine Geschichte, die angesichts des großen Leids, das Zwangsarbeiter auch bei Rheinmetall in Düsseldorf, Berlin und anderswo widerfahren ist, ist besonders anrührend: „Ich liebte malen. Ich begann französische Arbeiter zu malen. Und sie begannen diese Porträte nach ihren Heimat Frankreich zu schicken. Sie gaben mir die Bleistiften und Papier. Für meine Arbeiten bezahlen sie von Brot, Zigaretten, Konserven.“ Wo A. diese Bilder gemalt hatte, ob im Zwangsarbeiterlager an der Grashofstraße oder im Werk selbst während der Pausen, verriet er nicht. Allerdings blieb das Hobby des talentierten Zwangsarbeiters nicht unentdeckt. „Der Meister erfuhr alles. Er zeigte mir Foto eines Mädchens 5 Jahre alt. Ich bin einverstanden Porträt dieses Mädchens zu malen. Dieses Mädchen wurde gestorben. Ich habe Porträt dieses Mädchens im Speisesaal für Deutschen gemalt.“ Die Tatsache, dass der Meister Johann Sascha A. in den Speisesaal der Deutschen hineingelassen hat, gibt uns einen Hinweis darauf, dass die Ausländer üblicherweise keinen Zutritt zu diesem Raum hatten. Stattdessen besaßen sie einen eigenen Speiseraum. Auch sonst durften die Zwangsarbeiter nicht die Sozialräume der Deutschen nutzen; auf den Plänen des Werkes Düsseldorf- Derendorf sind gesonderte Aufenthaltsräume für Ostarbeiter eingezeichnet.

Eine andere Geschichte, die Sascha A. aufschrieb, handelte von einem missglückten Fluchtversuch aus dem Gefangenenlager: „Ich träume aus Lager weggehen. Mein Traum verwirklicht. Ich war auf der Straße neben Akademie der Kunst. Ich bewundere mich mit Gemälde der deutschen Maler. Mir ergreifen die Polizisten und brachten mich in Gestapo.“ Wie mochte die Gestapo mit Sascha A. umgegangen sein? Warum schwieg er darüber? Vielleicht war das nachfolgende Erlebnis zu schrecklich, um sich noch einmal daran erinnern zu wollen…

„Das Betreten Ihres Hofes ist untersagt!“

Hartmut und Heinrich Johannes aus Brambostel sind nur weitläufig miteinander verwandt. Aber sie sind mit ihren landwirtschaftlichen Betrieben Nachbarn, und sie haben eines gemeinsam: eine Vergangenheit, in der ihre Familien von ihren Höfen „Brambostel 2“ und „Brambostel 3“ vertrieben wurden.

Während des Zweiten Weltkrieges laufen die Entwicklungs-, Produktions- und Erprobungsaktivitäten der Rheinmetall-Borsig AG auf Hochtouren. Aber nicht nur das: Auch die Reichswehr hat den Schießplatz in Unterlüß für eigene Zwecke in Beschlag genommen. Von der Lorenzstellung, westlich der Hauptfeuerstellung gelegen, feuert die Luftwaffe, von der Feuerstellung „Gut Mitte“ das Heer auf die einzige Schießbahn. Insgesamt werden von 20 Feuerstellungen aus stündlich 2000 Schuss abgegeben. Nur 20 Prozent aller Schießversuche führt Rheinmetall- Borsig selbst in Unterlüß durch. Heer, Luftwaffe und Marine nehmen, was die Abfolge und auch die Gefährdungen durch das Schießen angeht, weder Rücksicht aufeinander noch auf Rheinmetall: Da müssen Treffbilder aufgenommen, verfeuerte Geschosse wiedergesucht oder besondere Sprengversuche durchgeführt werden; und dazu muss das Schießen jedes Mal von jeder der Feuerstellungen unterbleiben. Deswegen wird 1941 eine zweite Schießbahn projektiert, die allerdings Probleme mit sich bringt: Die Auftrefffläche liegt in einem Gebiet, in dem sich mehrere bewohnte und bewirtschaftete Bauernhöfe der Gemeinde Brambostel befinden.

Anfangs müssen die Bewohner von Brambostel ihre Häuser und Höfe nur zu Schießzeiten verlassen. „Der Ort wurde abgesperrt, und niemand durfte hinein“, erinnert sich Hartmut Johannes. Am 6. November 1942 wird per Enteignungsverfügung der Reichsstelle für Landbeschaffung Rheinmetall-Borsig der Besitz in Brambostel zugesprochen. Von da an ist es den Familien streng verboten, die Grundstücke wieder zu betreten. Die meisten Häuser werden abgebrochen, große Waldbestände für die Anlegung der Schießbahn und der Auftrefffl ächen abgeholzt, Holz und Baumaterial verkauft. Der Grund und Boden ist damit entwertet. Außerdem wird eine Strafkompanie aus Torgau in der eigens dafür umgebauten Scheune von Albert Johannes untergebracht. Hartmut und Heinrich Johannes sind noch Kleinkinder, als ihre Väter Ernst und Albert Johannes zusammen mit ihren Familien die Höfe in Brambostel verlassen müssen. Während Albert Johannes mit seiner Familie tatsächlich umgesiedelt wird und seit Juli 1944 einen Hof im Kreis Lüneburg bewohnt – dessen Besitzer wiederum ebenfalls enteignet und als feindlicher Brite interniert wird –, wird für Ernst Johannes bis Kriegsende kein Ersatzhof gefunden. „Wir blieben bei Bekannten und Freunden in Eimke“, erzählt sein Sohn Hartmut. „Gelebt haben wir unter anderem von der Jagd – schwarz natürlich. Die Jagd gehörte ja auch Rheinmetall. Unser Eigentum war an verschiedenen Stellen untergebracht. Bei der Verteidigung von Eimke gegen die Briten ist dann sehr vieles verbrannt.“ Albert Johannes muss mit seiner Frau und den Söhnen Heinrich und Alfred direkt nach Kriegsende den Ersatzhof wieder verlassen. Die britische Besatzungsbehörde gibt dem vorherigen befreiten Eigentümer sofort wieder seinen Besitz zurück.

Am 25. Mai 1945 teilt Rheinmetall-Borsig Ernst und Albert Johannes mit, „dass wir auf eine weitere Benutzung Ihres Grundstückes in Brambostel keinen Anspruch mehr erheben“. Aber die Rückkehr der Familien ist mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Ehemalige Brambosteler leben nun gemeinsam mit Flüchtlingen auf den zerstörten Höfen, ohne Strom und ohne die Möglichkeit, die Felder ordnungsgemäß zu bestellen. Ein Architekt aus Munster wird mit dem Wiederaufbau der Wohn- und Wirtschaftsgebäude beauftragt. Außerdem sorgt ein britischer Major dafür, dass mit einem kleinen Schützenpanzer die verwilderten Felder gepfl ügt werden. Die Kosten für den Wiederaufbau soll eigentlich Rheinmetall tragen, aber deren Vermögen ist durch die Alliierten gesperrt. Später erklärt das Unternehmen, dass die Enteignung auf Verlangen der Marineleitung geschehen ist und Rheinmetall selbst nur Kosten, aber keinen eigenen Profit gehabt hat. Die enteigneten Bauern bestehen dennoch auf ihrem Geld und klagen nach zehn Jahren erfolgreich einen Teil davon ein.

Ressentiments gegenüber Rheinmetall haben weder Albert noch Ernst Johannes nach ihrer Rückkehr gehabt. „Mein Vater Albert“, so berichtet Heinrich Johannes, „hat sich immer auf den Standpunkt gestellt: Rheinmetall hat den Krieg genauso verloren wie alle anderen in Deutschland auch. Er wollte nicht aggressiv gegen Rheinmetall in der Entschädigungsfrage vorgehen, auch nicht im Verein mit der britischen Besatzungsmacht.“ Und Hartmut Johannes ergänzt: „Mein Vater Ernst war nicht an der Front. Wegen dieser ganzen Umsiedlungsgeschichte war er u. k. gestellt. Seine Kameraden, mit denen er seine Wehrmachts-Ausbildung gemacht hatte, sind sämtlich an der Ostfront gefallen. Mein Vater hat überlebt – wegen der Enteignung. Das hat er nicht vergessen.“

Die zweite Schießbahn gibt es heute nicht mehr. Und die Höfe Johannes sind seit langem wieder in Betrieb. Die Erinnerung an die Vertreibung der Familien ist jedoch noch lebendig. „Wir hegen keinerlei Groll gegen Rheinmetall“, versichern beide Söhne. Mehr noch: Alfred Johannes, der jüngere Bruder von Heinrich Johannes, war selbst 37 Jahre bei Rheinmetall beschäftigt.

Als die „Mäuschen“ durch die Halle schwebten

Ungewöhnliches konnten die Besucher einer Kino-Wochenschau des Jahres 1941 erblicken: Gezeigt wurde eine Fabrikationshalle, in der tonnenschwere Panzerfahrzeuge für die Wehrmacht an Ketten von einem Arbeitsplatz zum anderen schwebten. Was die Zuschauer nicht wussten – und auch nicht wissen durften: Bei der Fabrik handelte es sich um die Firma Altmärkische Kettenwerke in Berlin, kurz: Alkett, eine Tochtergesellschaft der Rheinmetall-Borsig AG.

Hitlers Gigantomanie kannte keine Grenzen. Dies wird nicht nur in den Architekturplänen deutlich, die Albert Speer für ihn entwarf. Auch in der Waffentechnik musste es das größte Projekt sein, das jemals gebaut wurde. Ein Ergebnis dieses Größenwahns war der von Rheinmetall-Borsig gebaute Riesenmörser „Karl“, der – der Krupp’schen „Dicken Bertha“ aus dem 1. Weltkrieg nachempfunden – 40-cm-Geschosse auf die Festung Sewastopol auf der Krim abschoss. Ein anderes war der Panzer „Maus“, nach anderen Quellen auch „Mäuschen“ genannt. Dieser Panzer war keineswegs besonders klein, und damit wendig, schnell, erst spät sichtbar oder welche Vorteile sonst denkbar waren. Nein – es sollte der größte überhaupt gebaute Panzer werden, den die Feinde des Reiches jemals gesehen hatten.

Die Konstruktion stammte von Porsche und sollte ursprünglich „Mammut“ heißen, doch „Maus“ schien als Tarnname passender. Das Fahrzeug war mehr als zehn Meter lang, etwa 3,70 Meter breit und 3,80 Meter hoch. Bei einem Gewicht von 188 Tonnen – zum Vergleich: Der Kampfpanzer „Leopard 2 A6“ bringt 62 Tonnen auf die Waage – benötigte er einen 1080 PS starken Motor, um sich in Bewegung setzen zu können. Im Gelände verbrauchte der Motor auf 100 Kilometern 3800 Liter Diesel – eine Fahrt würde heute fast 5000€ kosten. Angesichts des Treibstoffmangels wäre es unmöglich gewesen, eine ganze Panzerflotte im Einsatz zu betreiben. Genau wie der Mörser „Karl“ wäre es nur möglich gewesen, die „Maus“ auf einem Eisenbahnzug an die Front zu schaffen. Aber viele Brücken hätten das Gewicht nicht ausgehalten, und viele Tunnel wären zu schmal oder zu niedrig gewesen.

Die deutsche Wehrmacht bestellte 150 Fahrzeuge dieser überschweren Panzer. Sieben Exemplare wurde aufgelegt, zwei Prototypen wurden fertig gebaut, der erste davon auf Heiligabend 1943; der übrige Auftrag wurde 1944 storniert. An die Front geschickt wurde die „Maus“ nie, der Panzer kam über die Erprobungsphase nicht hinaus. Ein Exemplar der beiden „Maus“-Prototypen ist übrigens noch vorhanden: Die Sowjets erbeuteten das erhalten gebliebene Probeexemplar der Alkett; die Fahrzeughülle ist im Panzermuseum Kubinka bei Moskau ausgestellt.